Heilpädagogik und Inklusion

Heilpädagogik - Was ist das?

Die Heilpädagogik ist eine eigene Fachrichtung und Wissenschaft im großen Gebiet der sozialen Arbeit. Sie ist eingebettet in das Sozial- und Gesundheitswesen. Sie wird in Deutschland seit den 1960er Jahren in der Berufsausbildung und im Studium gelehrt und weiterentwickelt. Es ist eine handlungsleitende Profession. Die Heilpädagogik stellt dabei die Einzigartigkeit jedes Menschen, ihre unantastbare Würde und ihr Recht auf Achtung, Unterstützung und Teilhabe in den Mittelpunkt. Die Fachleute der Heilpädagogik heißen Heilpädagog*innen.

 

 

Heilpädagog*innen setzen sich dafür ein, dass der Mensch in seinem Sein und seiner Individualität angenommen wird. Er soll die Unterstützung erhalten, die er braucht, um in der Gesellschaft aktiv teilnehmen und teilhaben zu können. Heilpädagog*innen diagnostizieren, fördern, bilden, begleiten, assistieren und beraten Menschen mit Beeinträchtigungen und ihr nahes soziales Umfeld. Die Heilpädagogik hält vielfältige Hilfsangebote für sie bereit und unterstützt deren Entwicklung, Selbstständigkeit und Teilhabe. Heilpädagogisches Handeln kann auch therapeutische Ansätze beinhalten.

 

In den sozialen, kulturellen und politischen Netzwerken und Systemen der Gesellschaft wirkt die Heilpädagogik ebenfalls mit. Die Teilhabe der Vielfalt von Menschen am gesellschaftlichen Leben will die Heilpädagogik mit ihrem Anspuch verwirklichen.

 

 

Die Heilpädagogik bedient sich in ihrer Arbeitsweise aus den Erkenntnissen der Psychologie, Soziologie, Psychiatrie, Medizin, Rechtskunde, Theologie und (philosophischen) Anthropologie.

 

 

Der Begriff der Heilpädagogik war lange Zeit umstritten und die Bedeutung der Silbe „Heil“ kaum eindeutig geklärt. Der Berufs- und Fachverband für Heilpädagogik e.V. hält eine klärende Definition bereit.

 

 

„Der BHP versteht das Wort ‚Heil‘ im Sinne von ‚ganzheitlich‘, um das heilpädagogische Menschenbild und seine umfassende Sichtweise auf den Menschen mit Beeinträchtigungen zu verdeutlichen. Das von dieser ganzheitlichen Sicht auf den Menschen geprägte Menschenbild betont die unauflösliche Einheit körperlicher, geistiger, seelischer und sozialer Dimensionen, die sich in jedem einzelnen Menschen auf individuell einzigartige und gleichwertige Weise konkretisieren. Für diese elementare Sichtweise ist weder der Begriff der Sonder- noch der der Rehabilitationspädagogik eine Alternative.“ (Berufsbild Heilpädagogin, Heilpädagoge. Hrsg.: Berufsverband der Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, Fachverband für Heilpädagogik (BHP) e.V., Berlin 2010, S. 7)

 

 

In den heilpädagogischen Praxisfeldern geht es um die Erziehung, Bildung, Förderung und Begleitung von Menschen jedes Alters von Geburt an bis ins hohe Alter mit sogenannten körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen, drohenden Behinderungen oder Beeinträchtigungen, Entwicklungs-, Wahrnehmungs- und Verhaltensauffälligkeiten.

 

Heilpädagogik - Was will sie?

Die Heilpädagogik hat den Anspruch,

  • die Selbstbestimmung aller Menschen zu ermöglichen
  • angebotene Hilfen individuell und menschenorientiert anzubieten;
  • gesellschaftliche Barrieren und Zwänge in Arbeit, Bildung, Wohnen und Freizeit abzubauen;
  • Voruteile abzubauen und den Menschen anzunehmen wie er ist;
  • jegliches methodisches und fachliches heilpädagogisches Know-How dazu einzusetzen, um die Perspektive der Person mit Unterstützungsbedarf, ihre Lebensgeschichte, ihre aktuellen Lebensbedingungen und ihre Vorstellungen von der Zukunft in den Blick zu nehmen;
  • einen zusätzlichen Unterstützungs- und Förderbedarf fachlich und kompetent zu begleiten;
  • alle Bürger über die vielfältigen menschlichen Erscheinungsformen aufzuklären und sie darin zu unterstützen, Fremdheit in Interesse umzuwandeln sowie Berührungsängste und Vorurteile abzubauen;
  • die Teilhabe in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens umzusetzen.

Inklusion - Was ist das?

Eine Gesellschaft besteht aus einer Vielfalt von Menschen. Alle sind verschieden und einzigartig. Jeder Mensch dieser Gesellschaft hat das Recht und den Anspruch auf die volle und selbstbestimmte Teilhabe an Erziehung, Bildung, Kultur, Gesundheitsfürsorge, Arbeit, Wohnen und Freizeit. Das ist Inklusion in Kürze zusammengefasst.

 

 

Inklusion ist weiterhin, wenn niemand wegen seines Soseins von den allgemeinen gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens- und Erfahrungswelten ausgeschlossen wird. Geltendes nationales und internationales Recht verpflichtet zur Umsetzung inklusiver Forderungen.  Das Zusammenleben in der Gesellschaft ist idealerweise so gestaltet, dass Inklusion umgesetzt wird. Die gemeinsamen Lebensräume der Menschen werden in einem solidarischen Miteinander individuell und selbstbestimmt gestaltet. In einer inklusiven Gesellschaft gibt es keine Aussonderung von Menschengruppen. Die UN-Behindertenrechtskonvention gibt klar vor, wie die Inklusion umzusetzen ist und ermöglicht wird.

Wie kann Inklusion mithilfe von Heilpädagog*innen gelingen?

Damit die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt werden können, müssen die Politik, das Sozialwesen und die Gesellschaft miteinander zusammenarbeiten. Die Politik muss sowohl die Betroffenen als auch die Berufsangehörigen im Sozial- und Gesundheitswesen sowie deren Verbände einbeziehen. Inklusion benötigt miteinander kooperierende Fachkräfte aus allen Disziplinen, die in alle Bereiche hineinwirken.

 

Heilpädagog*innen ebnen in dieser Kooperation die Wege in den verschiedenen Lebens- und Erfahrungswelten wie Kita, Schule, Freizeit, Arbeit, Bildung, Kultur, Wohnen und Gesundheitsfürsorge. Sie sind das Bindeglied und die Vermittler für die Aufrechterhaltung des inklusiven Rechts von Menschen.

 

Als Vermittler und Bindeglied können Heilpädagog*innen im Bereich der schulischen und außerschulischen Hilfen eingesetzt werden. In Eingliederungshilfen werden die äußerst geeigneten Kompetenzen der Heilpädagog*innen genutzt für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen. Auch die fachliche Beratung von Institutionen, Einrichtungen und Fachleuten wird von Heilpädagog*innen durchgeführt. Anstatt das Modell der Inklusion als Sparmodell zu entfremden, sollte es genutzt werden, um die Kompetenzen und Ressourcen von Menschen mit Handicap neu zu erschließen und in die Gesellschaft gewinnbringend einzugliedern.

 

Alle Sozialräume profitieren von den strukturellen Veränderungen, wenn sie das Wissen über die individuellen Möglichkeiten und Bedarfe von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Unterstützungsbedarf miteinbeziehen. Die Inklusion will eine intensive Begleitung und qualifizierte Assistenz, z.B. in der Schule, in Ausbildung und Beruf etc. So werden Potentiale freigesetzt, die bisher wegen zu geringer Professionalisierung und mangelnder Unterstützung völlig aus den Augen verloren wird. Die Heilpädagogik nimmt eine teilhabeorientierte und individuell verantwortliche Perspektive ein. Sie hilft, die fachlichen Standards einzuhalten, die Inklusion ermöglichen.

Exkurs: Die Inklusive Lösung - Hilfen aus einer Hand für alle Kinder und Jugendliche

Kinder und Jugendliche ohne Behinderung oder mit (drohender) seelischer Behinderung erhalten Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (Acht) VIII (Kinder- und Jugendhilfe).

 

Kinder und Jugendliche mit körperlicher und sogenannter geistiger Behinderung erhalten Leistungen im Rahmen der Sozialhilfe nach dem Sozialgesetzbuch (Zwölf) XII.

 

Diese Aufteilung der Zuständigkeiten für junge Menschen mit Behinderungen auf die Sozialhilfe und die Kinder- und Jugendhilfe führt in der Praxis zu erheblichen Definitions- und Abgrenzungsproblemen. Es entstehen Zuständigkeitsstreitigkeiten, ein erheblicher Verwaltungsaufwand und vor allem resultieren daraus Schwierigkeiten bei der Gewährung und Erbringung von Leistungen für Kinder und Jugendliche und ihre Familien. Wer ist verantwortlich für welche Leistung? Wer bewilligt Familien was, wann und wie? Fühlt sich überhaupt jemand zuständig? Vor solchen und noch mehr Fragen stehen Familien, wenn Sie Hilfe bei Ämtern suchen.

 

Diese Situation erschwert vielen Kindern und Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf sowie ihren Eltern das Leben zusätzlich. Eine Gesamtzuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe für ALLE Kinder und Jugendlichen kann vieles erleichtern:

  • Kinder und Jugendliche werden mit ihren Bedarfen ausschließlich im Kontext ihrer Familie und ihres sozialen Umfelds betrachtet;
  • Sowohl seelische und sogenannte geistige Behinderungen als auch behinderungsbedingte und erziehungsbedingte Bedarfe müssen nicht mehr unsinnigerweise unterschieden und getrennt betrachtet werden;
  • Die schwierige Klärung des zuständigen Leistungssystems bei Kindern und Jugendlichen mit Mehrfachbehinderungen entfällt, wenn es nur noch einen eindeutig zuständigen Leistungsträger gibt;
  • Strukturelle Barrieren fallen weg, welche die inklusive Bildung und Förderung von Kindern mit und ohne Behinderung in Kindertageseinrichtungen, Schulen oder in Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit erschweren.

 

Behinderte Kinder sind in erster Linie Kinder!

 

 

ALLE Kinder sollten von einem Kostenträger, nämlich der Kinder- und Jugendhilfe, die Hilfen erhalten, die sie zur gleichberechtigten Teilhabe und zur Inklusion benötigen. Dann spielen sogenannte Einschränkungen, Behinderungen und Defizite schnell nur noch eine untergeordnete Rolle.

 

Den Familien und Eltern ist damit geholfen. Sie erhalten mit nur noch einem Ansprechpartner eine erhebliche Entlastung und müssen nicht mehr viele verschiedene Stellen ausfindig machen und anlaufen.

 

Mit der Idee, dass der Stein ins Rollen gerät, wenn viele Menschen auf mögliche Auswege hinweisen, möchte ich mit diesem Exkurs auf die strukturellen Erschwernisse aufmerksam machen, die noch immer das Sozialsystem beherrschen und vollkommen unnötig und sinnlos sind.

 


Genutzte Literatur

  • Berufsbild Heilpädagogin, Heilpädagoge. Hrsg.: Berufsverband der Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, Fachverband für Heilpädagogik (BHP) e.V., Berlin 2010 abgerufen: https://bhponline.de/download/BHP%20Informationen/berufsbild/20140910,%20Berufsbild%20lang.pdf (15.12.2017)
  • Inklusion konsequent denken und gestalten – fachlicher Anspruch und gesellschaftlicher Auftrag der Heilpädagogik als Disziplin und Profession vor dem Hintergrund der Behindertenrechtskonvention. Gemeinsame Stellungnahme des Berufs- und Fachverbandes Heilpädagogik (BHP) e.V., der Ständigen Konferenz von Ausbildungsstätten für Heilpädagogik in der Bundesrepublik Deutschland (STK) und des Fachbereichstages Heilpädagogik bei der Hochschulrektorenkonferenz zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, Berlin 2012 abgerufen: https://bhponline.de/download/BHP%20Informationen/BHP%20Stellungnahmen,%20BHP%20Position/20141021,%20Flyer%20Inklusion.pdf (15.12.2017)